Weihnachten 2000

 

Es geschah im Jahr 2000. 

Todesfälle und Krankheiten in der Familie zogen die Spur und die daraus entstandene Traurigkeit begleitete uns beinahe durch das ganze Jahr.

In diesem Jahr verlor auch unsere Mutter den Kampf gegen den Brustkrebs. (wie auch meine liebe Freundin)

Am Hl. Abend dieses Jahres trafen wir uns mit einigen Geschwistern auf dem Friedhof. Wir zündeten die Kerzen an und standen vor dem noch frischen Grab. Es war schon dunkel und die vielen Lichter auf den Gräbern vermittelten beinahe eine mystische Stimmung.

Plötzlich stimmte einer meiner Brüder das Lied „Stille Nacht“ an. Es war Mutters Lieblingslied und bis zu ihrem Tod war ihr das immer wichtig, dieses Lied gemeinsam am Hl. Abend unter ihrem kleinen Christbaum zu singen. Ja, es war direkt unsere heilige Pflicht, der wir auch alle artig nachgingen. Ach, was war das manchmal „Stress“, denn natürlich hatten wir inzwischen alle schon selbst Familie. Da war der Beruf und Zeit war natürlich schon damals kostbar, trotzdem erfüllten wir ihr diesen Wunsch jedes Jahr und hinten nach betrachtet war es auch ein schönes Ritual.

Zunächst erschrocken oder vielmehr erstaunt, stimmten wir trotzdem unserem Bruder mit ein. Da war eine Zusammengehörigkeit spürbar, welche ich bis dahin niemals so intensiv  verspürte. Doch dann geschah etwas, dessen Erinnerung mir heute noch ein unbeschreibliches Erschauern beschert. Die Gänsehaut läuft mir heute noch über den Rücken, wenn wir davon sprechen, aber sie hat auch eine eigenartige wohltuende Wirkung auf mich.

Plötzlich hörten wir auch von anderen Gräbern Stimmen. Rund um unser Grab sangen die Menschen Mutters Lieblingslied und „Stille Nacht“ wurde zu einem einzigartigen Chor, welchen ich bis dahin noch niemals so erlebte. Für mich ist es heute noch mein ganz persönliches Weihnachtswunder.

Beim Verlassen des Grabes reichten uns fremde Menschen die Hände und wünschten uns Frohe Weihnachten. Diese Hände fühlten sich unvermutet gar nicht so fremd an.

Auf dem Friedhof trifft man zumeist eher auf trauernde Menschen, als auf fröhliche. 

An diesem Hl. Abend ließ mich das Gefühl nicht los: „ Dieses Lied durchbrach für einen Moment die Trauer einiger Menschen und zauberte ihnen sogar ein Lächeln auf das Gesicht.“

Die Weihnachtswünsche dieser Menschen durchbrachen jedoch auch meine in Starre geratene Traurigkeit.

Sie ließen mich mein persönliches Weihnachtswunder erkennen.

Ich wünsche allen einen schönen Heiligen Abend und eine liebevolle „Stille Nacht“. Sie ist eine besondere Nacht. Sie vermag manchmal selbst trauernden Menschen ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

gez. 2000 (c) bei mir

 

Etwas nachbearbeitet

Dritte Adventwoche 2017